Zu wenig berührt?

Moderne Gesellschaften, wie die unsere, die auf Expansion und Wachstum setzen, leben von der Antriebsenergie des einzelnen Menschen, die  durch eine existentiell notwendige Kompensationsbedürftigkeit erzeugt wird. Nur durch einen Mangel an einem elementaren psychischen Grundbedürfnis, kann der Wille zu einem kurzzeitig beruhigenden oder besser betäubenden und daher zwangsläüfig übermäßigen (!) individuellen Konsum erzeugt werden. Expandierende Gesellschaften brauchen also letztendlich "normal" süchtige, also unausgeglichene und deshalb in der Tendenz aus Frustration aggressive Menschen, die nur in diesem Maße "satt" werden dürfen, dass sie arbeiten können und beruhigt genug sind, sich nicht gegen das Gesellschaftssystem zu erheben. .


Welches Grundbedürfnis wird dazu verdeckt in einen Mangel geführt?

Jede dieser letztendlich kriegerischen Gesellschaften, jetzt und in vergangenen Zeiten, erzeugen dazu mehr oder weniger trickreich einen allgemeinen Mangel an dem basalen Grundbedürfnis nach liebevoller körperlicher Berührung, erfüllender Sexualität und tiefer psychischer Aufmerksamkeit.  

Wodurch etabliert sich der Mangel an essentieller Berührung?

Verbundenheit und Freiheit werden deshalb durch Erziehung und Bildung in der allgemeinen Anschauung als Gegensätze installiert: In der umschließenden Verbundenheit wächst der Hunger nach Reizen und Aktivierung. In der unverbundenen, losgelösten Freiheit wächst der Hunger nach Geborgenheit und Beruhigung. Gerade bezüglich der Sexualität, also dort, wo der erwachsene Mensch die nötige fokussierende Berührung erhalten könnte, wird bei den zentralen Lebensbeziehungen, den Liebesbeziehungen, ein Ausschlusskriterium etabliert. Entweder habe ich einen freien sexuellen Handlungsspielraum oder ich bin in einer verbindlichen Beziehung.

So befindet sich mittelfristig der erwachsene Mensch dieser, unserer Gesellschaften fast immer in einen von diesen beiden Zuständen: In einer einengenden und/oder auf die Dauer überfordernden Beziehung oder in einem sich als verloren anfühlenden Singledasein. Manchmal auch in einem aufreibenden Hin-und Her dazwischen. So oder so oder so, die allermeisten bekommen in diesen Lebensituationen viel zu wenig wirklich "liebevolle" Berührung, also tiefe psychische und sexuelle Aufmerksamkeit. So geraten viele, ja die allermeisten in einen psychischen Hunger bei gleichzeitiger Übersättigung mit Oberflächlichkeiten zur Täubung.

 

Arbeit, Brot und Spiele

Ohne eine massive Kompensation dieses basalen Bedürfnisses nach wirklich liebevoller Berührung durch übermäßigen Konsum, Arbeit, Entertainment, religiöser Praktiken, aller Arten von Medizin und Drogen, Alkohol und Pornographie und vielem mehr würden die meisten von uns sehr schnell in tiefsten Depressionen und anderen Krankheitszuständen versinken. Aus diesem Blickwinkel betrachtet sind die unersättlichen, aggressiven Wirschaftsstrukturen fast aller heutigen Gesellschaftssysteme nur eine Art von Beschaffungskriminalität für uns sorgsam von ihnen gezüchtet und gepflegte Süchtige. Und weil sich eingespielte Systeme möglichst erhalten wollen, ist es sozusagen von gesellschaftlichen Interesse, dass sich die Lebensmodelle, die Beziehungsformen und die Sexualkultur, die zu dem grundlegenden Berührungsmangel führen, möglichst erhalten werden oder zumindest nur oberflächlich verändert werden.

Gefangen in den Normen des alten Testaments - kriegerisch bleiben?

Im Kern dieser gesellschaftlichen Steuerung steht nach wie vor die allgemeine Forderung nach einem arbeitsreichen und mit Kindern gesegnetem Leben in einer monogamen, möglichst heteronormativen Beziehung. Nur hier erhält der Mensch auch heute noch die allerhöchste gesellschaftliche und familiäre Akzeptanz und psychische und materielle Unterstützung! In Verbindung mit einer systematisch unterentwickelten, vom Befruchtungsritual dominierten Berührungs- und Sexualkultur und einer Diskriminierung oder gar einem Verbot von sexuellen Dienstleistungen, geraten aber beinahe zwangsläufig die allermeisten Menschen, meistens mit einer Bewußtheitslatenz von ca 2 bis 7 Jahren in die oben angesprochene Lebenssituation. Und diese ist dann eben beherrscht von einen eklatanten Mangel an nährender, liebevoller Ganzkörperberührgung, erfüllendem Sex und wirklich tiefer Fokussierung.

 

Das Desaster springt von Generation zu Generation

In den propagierten, aber zumeist desaströsen Kleinfamilienstrukturen wird ein Teil dieses Mangels durch die überbordende Berührungsenergie der Kinder aufgefangen, was bei unbalancierten Eltern und deren asymetrischen Beziehungen aber eigentlich mehr oder weniger einem Missbrauchszenario entspricht und eigentlich immer starke problematische Spuren in der Psyche der Kinder hinterlässt. Mit dem Ergebnis, dass sie geradezu dazu verurteilt sind, die Beziehungsverhältnisse der Eltern, denen sie oft entfliehen wollen, unbewußt zu wiederholen.

Aufbruch zur tiefgreifenden Veränderung bei sich selbst und für alle

Um aus diesem Szenario auszusteigen und eine wirklich tiefgreifende eigene und gesellschaftliche Entwicklung möglich werden zu lassen, ist eigentlich jeder Mensch dazu aufgerufen, seine eigene Sexualität und Beziehungsfähigkeit zu hinterfragen und reflektorisch und eben auch praktisch zu entwickeln. Es ist, wie ich zeigen wollte, kein individuelles Versagen, in der Sexualität und im Beziehungsleben in eine existentielle Problematik zu geraten. Nein, es ist vielmehr eine gruppendynamische und gesamtgesellschaftliche Erscheinung, ja sogar ein kultureller Wille. Es nicht zumindest ernsthaft zu versuchen, aus diesen unheilvollen Mustern herauszukommen, wäre es allerdings schon.

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