Pisse ist lecker - Über die Liebe --------------- Teil 1 -------------Wölfe im Boot
Neulich beim Schlauchbootfahren auf dem Landwehrkanal kam ich mit meiner ganz jungen Freundin Lioba, sie geht gerade noch in die Grundschule, in ein ernstes Gespräch. Sie sagte mir, von allen Tieren, die sie kennt, gefallen ihr die Wölfe besonders gut. Ja, es sind eigentlich ihre Lieblingstiere.
"Oh", sagte ich ganz in Oberlehrerstimmung, "das ist aber eine sehr gute Wahl, denn die Wölfe gehen äußerst liebevoll miteinander um, sie leben in Banden zusammen, spielen sehr sehr viel miteinander und sie können auch sehr zärtlich zueinander sein. Da sie durch ihr großes Gebiss gut bewaffnet sind und sich auch schwer verletzen könnten, müssen sie schnell und gründlich lernen, gerade auch mit ihrem Mund ganz sanft zueinander zu sein. Wir haben ja auch ein kräftiges Gebiss, mit dem wir uns totbeißen könnten, aber zum Glück küssen und lecken auch wir uns viel lieber mit dem Mund, als dass wir uns schlimm beißen. Die Wölfe können das aber mindestens genauso gut wie wir und ich denke, sie machen das vielleicht sogar noch feiner und ganz bestimmt auch noch öfter wie wir, da sie in der Regel viel mehr Zeit dazu haben. Sie müssen ja zum Beispiel nicht in die Schule gehen, wo sie dann stundenlang getrennt voneinander herumsitzen, ohne sich berühren zu dürfen. Solch einen Unsinn machen die Wölfe natürlich nicht und daher denke ich, dass sie durch das gute Training wahre Experten darin sind, sich so zueinander zu verhalten, dass es sich gut anfühlt, wenn sie sich nahe kommen."
Lio senkte ihren Kopf und ich spürte, dass sie was bedrückte.
“Hey, was ist denn”, stupste ich sie an.
“Mein Bruder ärgert mich, weil ich die Wölfe so gerne mag”.
“Was sagt er denn?”, fragte ich erstaunt.
"Er sagt, dass die Wölfe ja wie Hunde wären und Hunde trinken gerne aus dem Klo. Deshalb sind auch Wölfe Klotrinker.”
“Oha!”, gluckste ich schwer überrascht.
Lios Bruder Konrad hat also einen recht geschickten Weg gefunden, sie schön zu ärgern. Kluger Kerl, dachte ich. Denn Lio kommt nicht aus dem Dilemma, dass ihre so sehr geliebten Wölfe wohl gerne solch eine offensichtlich dumme I-Bäh Sache machen. Im Klo ist ja auch Pisse und die trinkt doch keiner freiwillig!
“Na, das kann man auch anders sehen”, begann ich langsam, meine Erfahrungen mit Lio zu teilen. “ Die Pisse oder der Urin, wie sie meistens in Büchern genannt wird, ist, so meine ich, keinesfalls nur eine Flüssigkeit, die zu nichts taugt und die der Mensch nur los werden will. Immerhin ist es eines der ganz wenigen Stoffe, die wir wirklich und wahrhaftig nur durch uns selbst herstellen und für viele andere geliebte Lebewesen, wie den Bäumen, Blumen und anderen Pflanzen ist unsere Pisse, im richtigen Maß, ein leckeres Essen. Aber sie ist noch viel mehr. Da die Pisse aus uns heraus fließt und in uns gemacht ist, berichtet sie auch von uns. Sie erzählt durch ihren Geruch und Geschmack und durch vieles mehr, was wir nicht mitbekommen oder benennen können, von unserer Verfassung, unserer Art zu leben und sie verrät bestimmt auch noch ganz viele andere Geheimnisse über uns, die wir selber nicht kennen. Hey, Lio, ich bin jetzt ganz schön am Vortrag halten, sorry, ich steh da manchmal drauf. Bitte unterbrich mich, wenn dich das nervt, okay? "
"Alles klar, mach ich!", gab mir Lio Absolution.
"Alles was ich sage sind auch eh nur Vorschläge, wie wir über die Dinge sprechen könnten. Mehr können wir Menschen nicht tun. Wirklich keiner, auch wenn sie sich Lehrer, Priester, Arzt, Professor, Chef, Führer, Papst, Queen oder König nennen, kann das. Nur du entscheidest, was für dich richtig, ich würde auch sagen, stimmig oder plausibel klingt. Und deinen schönen Senf kannst du sowieso immer dazu tun, klaro! Okay, dann lass ich es mal rauschen bei Käptn Blaubart."
"Aber unser Schlauchboot heißt doch Loveboat. Dann bist du Käptn Loveboat", verbesserte mich Lio im wahrsten Sinne des Wortes.
"Wow, das ist ja ein schöner, fast ein bißchen zu großer Name", fühlte ich mich geschmeichelt, aber auch ein wenig verlegen. "Na mal sehen, ob ich mich da hineinwachsen lassen kann."
"Dort,", sang ich weiter, " wo wir etwas in uns hineintun, wie dem Mund oder die Nase, haben wir ganz besonders viele Möglichkeiten, diese Sachen ganz fein zu berühren und zu spüren. Kann jeder schnell ausprobieren. Dort ist unsere Haut ganz besonders weich, voller Blut und ganz doll fühlig und meistens auch feucht, so wie unsere Zunge, die Lippen oder in den Nasenlöchern. Das ist ja auch ne tolle Sache, da wir durch die große Fühligkeit das zum Beispiel mit dem Mund Berührte sehr nah und stark spüren können und dann entscheiden können, ob wir es in uns hineinlassen oder auch nicht. Die Lippen treffen die Vorauswahl. Wenn sie zum Beispiel etwas Kaltes, Hartes, wie ein Stück Eisen spüren, öffnet sich bei den meisten von uns wohl nicht der Mund. Wenigstens nicht zum Essen. Drinnen im Mund geht´s dann weiter mit der Zunge und dem Gaumen und noch vielem mehr, die auch mega fühlig sind und wir in ihnen einen Eindruck bekommen, um entscheiden zu können, ob wir es runterschlucken mögen oder nicht"
"Ja schön, kann man kapieren, aber was hat das nun alles mit dem Pissetrinken von meinen Wölfen zu tun?"
"Na ja, weil es mir erstmal um die Löcher geht, durch die wir und sie etwas in uns hineintun oder heraustun. Vielleicht gucken wir uns diese erstmal alle an. Das könnte uns doch einen Hinweis darauf geben, mit was wir es tun haben, was sich da so rein und raus fließt oder drückt. Meinst du nicht? "
"Okay, kapiert! Mach weiter", lachte Lio.
"Super, also nochmal: Die Löcher in uns und den Wölfen, durch die Luft, Flüssiges und Festes in uns größtenteils hineinkommen, okay es geht natürlich auch dort was raus, wie beim Ausatmen oder wenn wir mal kotzen. Die sind ja vielleicht deshalb so super fühlig, damit wir diese Dinge gut erkennen und wahrnehmen können. Sie durchfließen uns dann durch mehrere Beulen oder Säcke, unsere sogenannten inneren Organe, den Magen, die Lunge, die Leber und viele mehr und das uns Durchströmende verbindet sich dort immer mehr mit uns. Es ist also echt wichtig, dass wir diese Dinge gut und sehr fein wahrnehmen können, damit wir nichts ungewolltes verschlucken. Denn wir sind dann ja auch irgendwie das, was sich mit uns verbindet. Das Wort "essen" bedeutet daher ,ganz schlau in der alten Sprache, aus der wir das Wort übernommen haben, Latein heißt sie, auch eigentlich "Sein" oder "Dasein". Ganz so dumm waren sie also doch nicht, die ollen Römer. Na, eigentlich ja auch die ollen Germanen! Mund und Nase sind also Stellen von uns, mit denen wir besonders gut wahrnehmen können, so gut, dass es eigene Worte für diesen Teil ihrer Fähigkeiten gibt. Weisst du natürlich, "schmecken" für den Mund und "riechen" für die Nase. Sie können aber noch viel, viel mehr, was du ganz schnell merkst, wenn du zum Beispiel jemanden küsst. Aber davon vielleicht später mehr."
Jetzt war ich in Fahrt. Und auch ganz entspannt durch das Dahinplätschern unseres Bootes.