Im tiefen Grund unserer Seele stampft und schnäubt in wilder Lust ein Pferd
Es ist ein Fest von Kraft, Gewalt und Lust wenn Stute und Hengst sich vereinen. Kein Mensch kann unbeeindruckt sein von dem Liebesspiel unser vierbeinigen Lebensgefährten! „Mach mir den Hengst“ sagt man manchmal sehr unbedarft angesichts der niederzwingenden Naturgewalt, die damit herbeigerufen wird. Oft ist es nämlich auf Messers Schneide mit dem Leben davonzukommen, wenn der Hengst sich dann wütend zeigt mit seiner ganzen mörderischen, gewalttätigen Kraft, weil seine Lust sich nicht gänzlich in wilder Liebestat verschwenden kann. Die fordernde Geilheit der Stuten, devot, katzenhungrig, wieder dominant und dann beißen, schlagen, blutig machen. Ach, wie weit sind wir entfernt von dieser puren orgiastischen Liebeslust!
Doch jeder von uns Menschen bleibt auch Stute und Hengst.
„Zügel dich!“ sagt man, was nichts anderes heißt, als lerne dein inneres Pferd zu dressieren. Es soll sich aufbäumen und sich wild zeigen auf Abruf, jede Gefahr scheuend. Damit sollen wir leben in einer von uns geordneten und dann uns verordnenden Welt. Aber während der weisen Annäherung des Mutigen, in der nahen Distanz standhaft Verweilenden, wenn das Aufbäumen noch echt ist, können wir manchmal noch trinken von dem köstlichen Geifer echter Liebeswut. Welch eine Kunst die Begegnung zu diesem Genuss zu führen, in dieser Lust zu halten! Dem arg Verängstigten, am schnellen äußeren Ergebnis Interessierten, Zeichen der Gunst oder Gehorsamkeit erheischend, bleibt jedoch der Sinn und Gewinn seines Aufwandes verwehrt:
Das wilde Pferd in uns stampfen und schnauben zu hören, zu locken, zu schmecken, zu riechen, ihm zu vertrauen und sich mit ihm vereinen. Uns miteinander wirklich nah zu sein im Zeigen unseres wilden, tierischen Seins!
Gehorsamkeit, Verführung oder Dressur sind also nicht der Zweck einer weisen, lustvollen Begegnung, weder mit unseren wunderbaren Pferden noch mit sonst etwas, was lebt! Das Funktionierende ist immer fade und ein jämmerlicher Abgesang des Lebendigen. Und der brutal Gehorsamkeit Suchende wie der schmachtend sich Erniedrigende offenbaren nur eins: Die übergroße Angst vor der eigenen inneren Wildheit, vor einer tiefen, einfachen Verbundenheit zur Erde und allem was sie hervorbringt. Und dass sie auch alles wieder verschluckt! Es ist die Angst vor Gemeinsamkeit.
Vor dem Gleichsein mit allen sterbend lebendigen Früchten unseres Planeten und so letztendlich die Angst vor dem Tod, die uns entweder aggressiv und hochmütig oder saugend und depressiv werden lässt. Und so gehen wir mit Armeen von Ideen von Menschsein und Welt zu den Pferden, überheblich, verschlossen, bewaffnet, ohne Mut und Vertrauen zur Gemeinschaft der sterbend Lebendigen. Allen Liebesparolen und Schwüren zum Trotz bleiben wir so aber einsam und allein, getrennt voneinander und getrennt von uns selbst, was immer dasselbe ist, so lange sie in uns wüten - uns zutiefst verängstigend und dann Trost verkaufend in uns wüten: Unsere Ideen von Mensch und Welt, unsere Wissenschaften und Religionen.
Es winkt uns aber ein Weg, ein Grund zu großer Freude, denn im Ende aller unserer Religionen entspringt der Anfang unserer großen, wilden und endlich wahrhaft liebenden Freundschaft zu uns selbst und daheraus zu allen Welten!
Die Pferde warten, welch wundervolle Wesen, dunkel liebend wie die Erde. Und sie warten.
Denn kein Mensch wird wohl jemals ein wahrhaft liebender Mensch und eben auch nur deshalb wirklich geliebt und respektiert, vollkommen geborgen und angekommen in der großen Gemeinsamkeit, wenn er sich nicht traut, seinem nackten wilden Pferd im Inneren, ja wie auch in Wirklichkeit, nackt auf den Rücken zu steigen.
Trau dich! Wir sind zum Reiten geboren!