Yung (2018)

Henning Gronkowski

Ja, ich möchte meine Begeisterung über "Yung" von Henning Gronkowski so deutlich ausdrücken : Meiner Ansicht nach ist "Yung" der seit langem lohnenwerteste Film, insbesondere aus deutscher Produktion! Vielen Dank an die einfühlsamen Macher und die tollen Protagonisten, die uns die Möglichkeit geben, an ihrer wunderbar unverschämten Lebendigkeit mit all der, na klar, Problematik die ein, nennen wir es mal "freudvolles Leben" mit sich bringt. Aber auch mit all der beinahe überbordenden direkten Schönheit, in der sie den Mut haben, einzutauchen!

Und ja, sie beschäftigen sich mit dem Wichtigsten! Dem einander und damit sich selbst Kennenlernen im Schlendern, im Ziellosen und improvisierten Treibenlassen und der Möglichkeit von tiefer Verbindung und liebender Freundschaft im tosenden Meer des Kontrollverlustes. Die vier jungen Frauen, die im Fokus dieses halbdokumentarischen Spielfilmes stehen, stecken ihre enorme Energie, ihre Kraft und Konzentration in dieses wichtige Unterfangen. Und das ist gut so!

Es ist mir durchaus verständlich, dass sie auch mit Hilfe von vielen Substanzen diesen kindlich ungezügelten Zustand erzeugen wollen oder gar müssen, aus dem sie die Einstanzerei von Kindergarten und Schule und ohnehin beinahe aller durchgeknickten "Erwachsenen" eben schon ziemlich erfolgreich herausgebracht haben. Wir sollten dabei immer bedenken, dass wir hier zur Zeit fast alle Sprösslinge von hoch aggressiven Kriegsgesellschaften sind, deren momentane Struktur und Lebensführung in Richtung komplette Vereinzelung und die endgültige Zerstörung unserer Lebensgrundlage zu führen scheint. Aus dieser Situation heraus den jungen Leuten etwas von "wertvollen" Aufgaben und Zielen vorzuquatschen, ist schlicht blanker Unsinn. Die am ökonomischen Drücker stehenden "Erwachsenen", oder nennen wir sie treffender Verwachsenen, sollten da jetzt einfach mal die Ruhe bewahren und ins Vertrauen gehen.. Oder sie werden dann einfach nicht mit einbezogen, wie die Mutter von Jana, eine wunderbar souveräne junge Frau, der ich auch jetzt schon einen um Dimensionen größeren Überblick der elementaren Lebenszusammenhänge zutraue, als unüberschaubar viele Generationen ihrer (so unterstelle ich es mal) insbesondere sexuell durchverschämten und in verheerenden heteronormativen Normen gepressten Vorfahren.

Ganz sicher liegt in den Chemiesubstanzen eine gefährliche Falle, die es überhaupt nicht zu verharmlosen gilt. Aber sie bieten eben auch die Möglichkeiten von sehr hilfreichen Erfahrungen, insbesondere in der Kombination mit gelebter Sexualität. Die Kriegsdroge Alkohol, die den jungen Menschen rund um die Uhr beinahe hinterhergetragen wird, ist und bleibt aber sicherlich die größte Gefahr für die meisten von ihnen. Insbesondere auch deshalb, weil Alkohol die wichtige sexuelle Interaktion oft sehr verblödend einschränkt oder gar komplett blockiert. Einige der von den jungen Menschen im Film genutzten Substanzen oder vielleicht auch ihr individueller Mix scheinen sie aber wirklich beim Sexen zu unterstützen, denn ich habe selten so schöne, ungekünzelte und mutige Nähe feiernde Berührungen zusehen dürfen in einem Film, wie eben in diesem!

Der Film bietet eben deshalb die Chance, mit aus meiner Sicht eben sehr erfolgreichen jungen Frauen in Kontakt zu kommen, die gelernt haben,  sich beinahe andauernd liebevoll zu berühren und tagelang miteinander zu feiern. Und das heißt eben auch, sich miteinander zu konfrontieren und tragfähige Verbindungen zu erproben. Das mögen viele anders sehen, aber wer sich in die Richtung mutig Beziehungen wagen und feiern bewegt, dem folge ich gerne! Und dafür brauchen junge Menschen eben jede Menge sexuelle Erlebnisse in vielen Schattierungen! Für die Entwicklung einer sexuellen Identität und Ausdrucksfähigkeit jenseits von verblödender Romantik und heteronormativen Begattungsritualen.

Alle vier können ihre Situation sprachlich elaboriert reflektieren, ohne sich im geringsten zum Opfer zu stilisieren, was sie wiederum für mich als im besten Sinne selbstständig kennzeichnet. Und sie haben für sich passende Strategien entwickelt aus dem ökonomischen Würgegriff unserer sich auf Destruktionskurs befindender Gesellschaft zu entfliehen. Das macht sie weniger manipulierbar als die vielen "Braven" und generiert die wichtigen Zeiträume, um sich dem feiernden Schlendern hinzugeben. Die eine verkauft ein wenig gestreckte Substanzen (na die brauchen die Feiernden nun mal, und was hilfreich ist, ist in unserer erfolglosen Gesellschaft zumeist genau deshalb verboten), eine andere kriegt das mit dem Abitur so ganz nebenbei hin und die dritte geht überaus "professionell", d.h. auf sich achtend, dem Beruf des Sexworkers nach. Gerade Jana, die mit Escortservice, der ebenfalls überaus einfühlsam dargestellt worden ist, ihre Unabhängigkeit sicherstellt, hat wohl auch durch die vielfältigen Erfahrungen ihres Berufs einen sehr starken und reflektierten Eindruck mit einer durch den Bildschirm hindurch spürbare Liebesfähigkeit hinterlassen, die sehr beeindruckend ist.

Ich möchte aber eigentlich kein Ranking zwischen den Freundinnen vollziehen, da sie jede auf ihre eigen Art für mich sehr mutige Psychonauten sind, die sehr wohl als Inspiration für eigentlich jeden zu empfehlen sind.

Last but not least muss aber noch das wunderbare Berlin angesprochen werden, dass den jungen Forscherinnen des Lebens so eine sichere und ja fast geborgene Heimat in aller Wildheit gibt. Ein Nährboden für Menschen, die Mut machen, dass es doch noch besser weitergeht mit der Menschenwelt!

von Mikael R.A Michna

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