Sex ist Kommunikation!
von Mikael R.A. Michna
Sex in der Entfaltung all seiner Möglichkeiten ist die Sprache der starken Verbindung, der großen Projekte, der Liebenden, die sich durch dick und dünn begleiten wollen. Sex ist die Königsdisziplin der menschlichen Kommunikation!
Unbeschränkter, offener und direkter noch als beim Sprechen, miteinander Musik machen und Tanzen, wie kunstvoll dies alles auch geschieht, berühren wir uns einzig und allein beim Sexen auf allen Wegen der Wahrnehmung unseres Seins.
Genau deshalb sehnen sich beinahe alle Liebenden der Welt miteinander zu sexen. Ganz sicher nicht wegen eines uns so beharrlich von unseren in der sexuellen Kommunikation systematisch frustrierten Vorfahren eingeredeten "Vermehrungstriebes". Die Erotisierten wollen die schon in der Entfernung, im Gespräch und vielleicht beim Tanz gefühlte Nähe im Sex vertiefen, sie feiern und ganz wichtig, sie erproben!
Doch im krassen Gegensatz zu allen anderen Kommunikationsweisen, ja beinahe zu überhaupt allen menschlichen Tätigkeiten, gilt bis jetzt ausgerechnet hier nicht, was sonst überall gilt: Die gute Übung macht die Meisterin, den Meister oder alles meisterliche Dazwischen.
Sprich, Übung gibt dir die Sicherheit und Virtuosität im Umgang mit dir und deinen Sexpartnern!
Sexen ist Kommunikation, weil es um Nähe geht! Sicherlich kann es anfänglich auch aufregend sein, analog zum distanzierten Smalltalk, mit sexuellen Grundübungen seine Partner zu bespaßen (bis es dann irgendwann anstrengend wird). Aber das eigentlich Aufregende und vielleicht ganz am Anfang als Kind und Teenager noch gefühlte, dauerhaft Energetisierende, Anregende und Inspirierende ist immer das Gefühl von Nähe zum anderen und zu sich selbst. Dies und kein eingeredeter Vermehrungswunsch zieht uns zum Sexen und nirgends kann die unverstellte Nähe stärker ganz real gefunden werden als im Sex. Das in der Tiefe tragende, Befriedend und Beglückende hier auf Erden suchen deshalb die allermeisten Menschen aus gutem Grund in sexuellen Liebesbeziehungen.
Und fast ein jeder hat es schon mal erfahren, wie schwer es das Gemüt belastet, wenn der sexuelle Fluss seiner Liebesbeziehungen ins Stocken gerät und man immer mehr auseinanderdriftet. Wenn man das Sexuelle dann zu umgehen versucht oder zu diskreditieren oder durch anderes, Materielles oder Religiöses, versucht zu ersetzen.
Aber es geht einfach nicht! Nicht auf Dauer! Die Beziehungen zerbrechen!
Es besteht also eine existentielle Wichtigkeit für jeden Einzelnen möglichst sicher und stimmig sexuell kommunizieren zu können und so ist es nur im Lichte einer gesellschaftlichen Dynamik der Vereinzelung und Vereinsamung verständlich, dass es bis dato keine substantielle Unterstützung bei der Entwicklung und Pflege unserer Fähigkeiten als kommunikativen Liebhaberin oder Liebhaber gibt.
Weder gab es bei den meisten von uns ein wirklich unterstützendes Gespräch über verbindendes Sexen mit unseren Eltern oder Großeltern, noch gibt es in der Schule die Hauptfächer Beziehungslehre oder Erotikkunde.
Komisch, unverständlich, traurig, aber wahr!
Im Gegenteil: Unsere komplexen, hochempfindlichen sexuellen Wahrnehmungsorgane, Vagina und Penis, wurden und werden als "Geschlechtsteile" diffamiert, deren angebliche "Funktion" die Platzierung von Flüssigkeiten zum Zwecke der Vermehrung sei. Also etwas, was eine handelsübliche Pipette und eine Petrischale auch erledigen können. So reduzierte und verarmte sich die allgemeine Vorstellung vom Sexen in unseren Hochleistungsgesellschaften auf einige Variationen des Begattungsrituals und unsere ursprüngliche, kindliche Lust an der Berührung und am Berührtwerden, konnte sich nicht entfalten. Sie wich einer Belohnungslust, möglichst exklusiv und/oder möglichst oft seine Vermehrungsflüssigkeiten zu verteilen oder zu empfangen.
Um von der die tiefere Kommunikation hemmenden, orgasmuszentrierten Belohnungslust wieder zur kindlichen, unbekümmerten Berührungslust zu gelangen, müssten wir unsere Beschämungen, die sexualnegativen Prägungen und unsere Gewöhnung an Leistungsdruck quasi zurückdrehen. Das ist wohl so unmöglich als würde man an einem imaginären Zeitrad drehen können, also schwer vorstellbar und eigentlich ja auch nicht wirklich erstrebenswert. Denn es kann ja noch viel schöner werden als es jemals in unserer Erinnerung war!
Aber ist es eine Option weiterhin als sexueller Legastheniker dem nächsten Belohnungsorgasmus hinterher zu jagen und/oder der sexuellen Kommunikation durch Arbeits-, Religions- oder sonstwas Sucht zu entfliehen und die lebenstragenden Beziehungen immer wieder sexuel austrocknen zu lassen?
Diesem für sehr viele Menschen wohl nur allzubekanntes Szenario wollen die meisten wohl gerne entfliehen und suchen dafür die geeignete Unterstützung. Mensch darf sich auch helfen lassen! Es ist mehr als aller Ehren wert, die eigene Sexualität und Beziehungsfähigkeit zu entwickeln. Ich möchte sogar anmerken, dass es vielleicht eine der politisch wirksamsten Aktivitäten überhaupt ist, weil es den Kern unseres Zusammenlebens betrifft. Es werden neue Familienstrukturen entstehen und daheraus eine andere Gesellschaft, getragen von viel tieferem Verständnis und Gleichberechtigung, wenn wir endlich anfangen sexuell zu kommunizieren.
Coaching, Sexual-und Beziehungstherapien, aber auch direkte körperliche Erfahrungen mit Bodywork und Sexwork können uns dabei helfen. Dabei helfen, ein freudvolles soziales Lebewesen zu sein in einer friedlichen, auf Gemeinsamkeit und Lebenslust ausgerichteten Gesellschaft.
Eben eine andere.