Leben im Zyklus

von Larissa Bolz

"Ich weiß, dass das Leben immer wieder von vorn anfängt, immer wieder neu, immer, und man ist wieder jung."
Franziska zu Reventlow

Strömungen

Wir leben in einer Zeit, in der Intuition, Ahnung, Wahrnehmung und Gefühl gesellschaftlich einen geringeren Stellenwert bekommen, als Ratio, Wissenschaft, Beweis und Kalkulation. Das, was wir zählen, messen, wiegen, experimentell wiederholen können, gilt als zuverlässige Quelle von so etwas wie Wahrheit.

Heute - und wahrscheinlich zu allen Zeiten - ist Gesundheit ein großes Thema für uns Menschen. Wusstet ihr, dass Frauen* in sehr vielen wissenschaftlichen und medizinischen Untersuchungen zum Thema Gesundheit, Ernährung, Sport usw. entweder gar nicht, vollkommen unterrepräsentiert, erst nach den Wechseljahren oder nur in der follikulären Phase ihres Menstruationszyklus berücksichtigt werden?

Menschen mit Monatszyklus werden aktiv aus so genannten repräsentativen Studien herausgehalten; denn Menschen mit Zyklus sind nicht linear, nicht messbar und einfach nicht immer gleich – und damit sehr unbequem für die Wissenschaft.

 

Das Eintauchen

Als ich 13 Jahre alt war und meine erste Periode bekam, war ein Teil von mir sehr aufgeregt und irgendwie auch stolz darüber. Ich war jetzt also eine Frau* - was auch immer das heißen sollte. Irgendetwas in mir wusste, dass etwas Wichtiges geschehen war, etwas, das mich verändern würde. Leider gab es keine tiefen Gespräche übers Bluten, keinen Initiationsritus, kein Fest, wenig Austausch und eher ein allgemeines Schamgefühl was die Periode begleitete. Was mein jüngeres Ich vielleicht ahnte aber sicherlich nicht bewusst hatte und noch viel sicherer nicht als Information im Außen gefunden hätte, ist Folgendes:

Der Zyklus macht uns zu Wesen ewiger Wandlungen. Er ist eine direkte, körperliche Anbindung an die Wanderung des Mondes, die Strömungen der Meere und den Lebenskreislauf der Pflanzenwelt. Er öffnet die Möglichkeit einen neuen Menschen zu gebären oder einfach sich selbst jeden Monat zu erneuern und wieder zu gebären.

Durch den Menstruationszyklus "ticken" Frauen* nach zwei verschiedenen inneren Uhren: Neben dem Tag-Nacht-Rhythmus, der Sonnenbewegung - sind wir nun eine lange Zeit unseres Lebens auch noch mit dem 28 Tage Rhythmus der Mondbewegung verbunden.

Heute, 15 Jahre nach meiner Menarche, würde ich sagen, dass die Karten schon etwas anders gemischt sind. Diva-Cups und Period Panties, Öko-Tampons und Free Bleeding - beim Bluten hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon einiges getan. Das Image der Tage transformiert sich in Richtung Annahme, Selbstverständlichkeit und zunehmender Un-verschämtheit – und das ist wunderbar!

Unsere Blutung ist allerdings nur ein Teil, eine Phase, des gesamten Menstruationszyklus, der als ganzes, komplexes und großartiges System noch viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt.

Fließen

Alles was wir hören über Gesundheit, Fitness und Ernährung wird hauptsächlich an Männern* getestet und gilt auch hauptsächlich für Männer*. Jede "day-to-day Routine" ist für Menschen mit Menstruationszyklus nur bedingt sinnvoll und im schlimmsten Falle sogar schädlich. Frauen* in ihren „reproduktiven Jahren“ (als ob es immer nur um Reproduktion ginge - so annoying dieses wording!) haben ein dynamisches inneres System, versuchen sich aber allzu oft in ein lineares Leben hineinzupressen. Dies stört den Zyklus und führt zu einer hormonellen Disbalance, welche wiederum zu chronischem Stress, Antriebslosigkeit, diversen körperlichen Symptomatiken und emotionaler Unausgeglichenheit führt.

Der weibliche* Zyklus beeinflusst alle Körperfunktionen: Das Gehirn, das Immunsystem, der Metabolismus, die innere Mikrobenwelt und die Stressresonanz funktionieren und reagieren in jeder Zyklusphase anders. Je nachdem in welcher Phase wir uns befinden – im Samen des Frühlings (Follikuläre Phase), im Wachstum des Sommers (Eisprung), in der Vollendung des Herbstes (Luteale Phase), oder in der Ruhe des Winters (Menstruation) – sind wir in unserer gesamten inneren Alchemie tatsächlich andere Wesen! Und das ist etwas Positives: Denn in jeder dieser 4 Phasen erwachen verschiedene Stärken in uns, die eine andere Art von Wachstum und Regeneration ermöglichen. Es ist also höchste Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes auf den Wellen zu surfen und das schöpferische Potenzial des zyklischen Lebens auszukosten.

Außerdem bin ich überzeugt davon, dass auch im großen Zusammenhang ein bisschen weniger Linearität und deutlich mehr zyklisches Denken und Handeln, zum Beispiel auch im Hinblick auf ein gesundes Umweltsystem, dem Planeten wirklich gut tun würde.

Das Synchronisieren mit dem Menstruationszyklus ist ein Weg, um in Harmonie mit unserer zweiten inneren Uhr zu leben und uns körperlich, psychisch und emotional in unserer Wandelbarkeit zu erden. Es geht dabei um ganz leichtes praktisches Umdenken und darum, uns die Freiheit zu nehmen, unseren Zyklus in unser Leben mit einzubeziehen.

 

What to do?

Wenn du anfangen möchtest, dich mit deinem Zyklus zu synchronisieren, können dir folgende Inspirationen dabei helfen:

  • Beginne ein Zyklustagebuch

Falls du gerade noch kein Gefühl dazu hast, wie du dich in welcher Zyklusphase fühlst, was dann deine jeweiligen Stärken und Schwächen sind und was dir wann gut tun könnte, versuche dich einfach mal ein paar Monate lang daraufhin gerichtet zu beobachten. Ein Zyklustagebuch kann dir ganz neue Einblicke in deine inneren Rhythmen geben

  • Plane mit den Phasen

Wenn du schon bestimmte Anteile von dir in bestimmten Zyklusphasen kennst, nimm diese ernst und plane ganz konkret mit ihnen. Versuche dir zum Beispiel mehr Ruhephasen und Rückzug einzurichten in der späten lutealen Phase und zur Blutung. Oder lege besonders anstrengende Arbeit und Termine in Richtung Follikulärphase. Erlaube dir, nicht immer im gleichen Leistungsmodus sein zu können und zu müssen.

  • Zyklisch Trainieren

Auch im Sport macht es total viel Sinn als Mensch mit Menstruationszyklus dementsprechend, also zyklisch, zu trainieren. Dafür gibt es heutzutage zum Glück schon tolle Angebote!

  • Schau auf deine Ernährung

Ja, du kannst dich zyklusorientiert ernähren und das kann sehr viel in deinem Hormonhaushalt bewirken. Wenn dich das interessiert, schau einfach in die Zyklustabelle rein, die am Ende dieses Textes angehängt ist.

 

Anregungen

Mich hat das Buch "In the Flo" von Alisa Vitti dazu inspiriert, diese Zeilen zu schreiben. Falls ihr euch das anschauen wollt, findet ihr hier zu ihrer Website: www.floliving.com

Auch findest du hier noch das PDF zur Zyklustabelle - Eine Übersicht über die Möglichkeiten der Synchronisierung mit deinen Zyklusphasen.

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