Im Blumenstrauss die Handschellen
von Mikael R.A. Michna
Vielleicht ist es die Frage nach der Henne oder dem Ei, obwohl diese Metapher eigentlich hochgradig unlogisch ist, da der notwendige Hahn ja einfach weggelassen ist. Unser Denken scheint aber so verliebt in Zweierstrukturen zu sein, dass üblicherweise generös über das Offensichtliche hinweggegangen wird. So sind wir schon mittendrin in dem, was ich hier zur Aufmerksamkeit bringen möchte.
Bilden sich Gesellschaftsstrukturen nur in der Sprache ab oder schafft, ja erschafft die Sprache tief in unserer Psyche die Realität.
Das Bild eines dynamischen Prozesses, einer Dialektik, springt uns jetzt schnell zu Hilfe und rettet uns aus der Entscheidung. Kann man sich ja vorstellen: Alles bedingt sich gegenseitig, vielleicht sind die Umstände manchmal wichtiger als die Wortschöpfungen und umgekehrt. Alles verhält sich kompliziert, muss im Einzelnen untersucht werden, am besten von Experten.
Aber vielleicht übersehen wir aber auch was wirklich Entscheidendes, so wie es mir sehr lange mit der Henne-Ei Metapher passiert ist. Das offensichtliche Dritte. Oder das offen hörbare Dritte.
Horchen wir mal hinein in ein sehr wirkmächtiges Wort unserer schwindenden, unbalancierten, patriachalen Vergangenheit:
Defloration
Aus dem lateinischen Wort defloratio – Entblühtung – hergeleitet, soll es den Vorgang der Verletzung oder des Zerreißens des Hymens beschreiben, einem dehnbaren, zumeist perforierten Gewebesaum vor dem Vaginaleingang. Fälschlicherweise wurde und wird dieses mit dem Erlebnis des ersten penetrativen Sexes von Frauen bzw. Vaginamenschen in kausaler Verbindung gebracht. Das heißt, viele Menschen glaubten und glauben immer noch, dass das erste vaginale Ficken quasi immer eine Verletzung oder ein Zerreißen des Hymens zur Folge hat. Im Umkehrschluss soll ein unverletztes Hymen darauf schließen lassen, dass die oder der Betroffene noch nicht vaginal penetriert worden ist. Dem ist definitiv nicht so! Nur bei ca. 50 % der ersten vaginal-penetrativen Sexualspiele kommt es zu Verletzungen unterschiedlichster Stärke, die übrigens meistens nicht stark wehtun und auch nur manchmal eine kleine Blutspur hinterlassen. Und auch andersherum kann das Hymen durch intensives Fingern oder natürlich auch durch die Benutzung von Dildos oder anderen Sextoys verletzt werden.
Diesen Tatsachen zum Trotz wird das Wort „Defloration" im herkömmlichen Sprachgebrauch als Synonym von „Das erste Mal" oder auch „Entjungferung" benutzt.
Noch ein Wort zur Bild- und Sinnsprache dieses, durch seine direkte Entlehnung aus dem Lateinischen, etwas distanziert wirkenden, ja wissenschaftlichen Begriffes. Diese suggerieren insbesondere im Bereich der Sexualität eine möglichst neutrale Beschreibung eines Vorganges oder Körperteiles, obwohl das bei genauerer Betrachtung eigentlich nie der Fall ist. Die Bildsprache von Defloration – Entblühung oder englisch Deflowering – Entblumung ist überaus stark und vorordnend. Es beschreibt den Verlust einer anziehenden Schönheit durch eine eingeleitete „Verblühung" – also den dauerhaften Verlust des Status einer blühenden, daher duftenden Blume durch eine sexuelle Handlung. Den dauerhaften Verlust von Attraktivität als eventuelle Strafe! In Bezug auf das immer mit dem Begriff „Defloration" in Verbindung gebrachte penetrative Sexualerlebnis wird also schon mit dem Wort davor gewarnt, ja eigentlich sogar gedroht, dass es schlimme soziale Folgen haben kann, gesellschaftlich missbilligt sexuell aktiv zu sein.
Die griechischen und lateinischen wissenschaftlichen Begriffe aber sind wegen der verschleierten Aufoktroyierung von gesellschaftlich-moralischen Grundvorstellungen die eigentlich gefährlicheren, da intelligenter manipulierenden Wörter. Deutsche vorformende Begrifflichkeiten wie Schambein, Schamlippen, Scheide, Jungfernhäutchen oder Entjungferung sind in ihrer besonders auf Frauen und die Vulva gerichteten Diskriminierung und Verunsicherung doch etwas leichter offensichtlich.
Aber wer bemerkt schon, dass der Name „Hymen" für den gesellschaftlich so bedeutungsschweren Hautring vor dem Vaginaleingang von dem griechischen Namen Hymenaios abgeleitet wurde – dem Gott der Hochzeit?