Die Haltung des Gelingens im erotischen Spiel
von Mikael R.A. Michna
Um sexuelle Beziehungsfähigkeit zu erlangen und attraktiv und begehrt im ernsthaften erotischen Spiel zu sein und auch dauerhaft zu bleiben, ist es von allergrößter Wichtigkeit, seine innere Haltung in den Blick zu nehmen. Es ist der entscheidende eigene Beitrag, um ein erotisches Feld zwischen mir und einem oder mehreren Menschen oder auch allen anderen Lebewesen zu erschaffen.
Was ist ein erotisches Feld?
Es ist das Vorhandensein einer gemeinsam gefühlten Atmosphäre oder eines Zwischenraumes der Anziehung, Fokussierung und Zentrierung. Zwischen den Protagonisten entfaltet sich ein mehr oder weniger exklusiver Lebensraum durch einen gemeinsam erzeugten Zustand einer als angenehm, belebend und insbesondere auch sexuell aktivierend gefühlten Spannung.
Was ist Spannung?
Na, jetzt wird´s echt spannend. Denn im wahrsten Sinne des Wortes: Alles ist Spannung! Und wohl mit keinem Wort ist der Begriff “Alles” besser beschrieben. Denn hinter den größten und globalsten Begrifflichkeiten unserer Sprache findet sich immer wieder dieses Wort “Spannung” ein, als Versuch einer Erklärung und Definition: Energie, Raum, Zeit, Leben, das Sein. Überall spannt und entspannt es sich.
Deshalb ist die Gefahr einer benebelnden Schwafelei jetzt groß, so dass eine feine Aufmerksamkeit und sprachliche Genauigkeit gerade bei diesem Wort sehr von Vorteil ist. Lasst es mich probieren:
Spannung zwischen Menschen oder Lebewesen ist ein gegenseitig erzeugter Hinbewegungszustand oder, noch genauer, ein Zueinanderbewegungs-"zustand". Eine gerichtete dynamische Konstitution. Im Bereich der menschlichen Beziehungen vielleicht auch gut beschrieben mit einer Neigung zu einer aufeinander bezogenen Handlung der Protagonisten. Einer jedem Beteiligten Orientierung, Ort und auch Form gebenden Neigung zur Handlung. Ein Synonym für ein Spannungsfeld zwischen Menschen wäre die "(potentielle) Energie für eine Interaktion". Erzeugt durch Anziehung und Widerstand im Außen im direkten Zusammenspiel mit den durch Herkunft, Erziehung und individueller Entwicklungsarbeit konstituierten Anziehungs- und Widerstandsbewegungen im Inneren des jeweils Einzelnen. Spannung erzeugt inneren Bezug und erschafft Beziehungsrealitäten. Gleich einer russischen Puppe manifestieren sich die Spannungsfelder als Beziehungen auf verschiedenen Ebenen, die sich gegenseitig bedingen. So ist jeder einzelne Mensch und überhaupt jedes Lebewesen, ganz grundsätzlich betrachtet, eine Inkarnation, eine verselbstständigte Erscheinung des Spannungsfeldes zwischen seinen Vorfahren. Da jeder Mensch aus zwei verselbstständigten Beziehungserscheinungen, sprich Menschen entspringt und selbst sofort und immer basaler Teil dieses Beziehungsfeldes ist, ist der Mensch in seiner grundsätzlichsten Struktur eine Erscheinung eines dreipolaren (!) Spannungsfeldes. So ist der Mensch eine spannungsgenerierte Dreieinigkeit. eine selbstständige dynamische Dreieinigkeit von Mutter, Vater und Kind.
Du bist Drei
In der Erforschung und gerade auch der aktiven Gestaltung dieser für jeden Menschen basalen Dreiecksbeziehung liegt daher die entscheidende Möglichkeit für eine tiefe Selbsterkenntnis. Aber auch, und das ist eine wirklich frohe Botschaft, die Chance, eine wirksame Veränderung seiner Persönlichkeit zu erreichen und eben auch, engstens damit vernüpft, die Chance auf die Entwicklung einer erfüllenden sexuellen Beziehungsfähigkeit. Hier, in der aktiven (Neu-) Gestaltung des Beziehungsfeldes zum Vater und zur Mutter geschieht sozusagen die fundamentale Arbeit oder, sehr treffend ausgedrückt, die "Wurzelarbeit" für eine starke Haltung des Gelingens in sexuellen Liebesbeziehungen.
Die Größe des Bezugs, das heißt die Stärke sowie auch die Qualität des Spannungfeldes zwischen zwei Menschen, ist einerseits abhängig von der jeweiligen Standhaftigkeit, die sich gemäß der Selbstzufriedenheit des Einzelnen bei gleichzeitiger Fähigkeit zur Hinneigung oder zum Einlassen, die sich aus der Begeisterungsfähigkeit für den anderen speist, ergibt und anderseits dem Mut, den Zustand der Selbstzufriedenheit zugunsten eines weniger kontollierbaren gemeinsamen Befriedungsraumes aufgeben zu können.
Diese ganz eigene, spezielle Beziehungsdisposition jedes Menschen, als immer dauernder Prozess gedacht, ist in fundermantaler Abhängigkeit von der Beziehungsqualität zwischen Vater und Mutter und den Beziehungen des inneren kindlichen Selbst jeweils zu ihnen einzeln. Wobei die Beziehungen zur Person des Vaters und der Mutter im Außen im direkten Verhältnis zu der Konstitution des im Inneren erlebten psychischen Spannungsfeldes zwischen dem sogenannten Weiblichen und Männlichen oder besser dem eigenen inneren Anima und Animus stehen. Auch im Inneren entwickelt sich im Spannungsfeld zwischen Anima und Animus ein dritter, individuell gemischter, dynamischer Pol, eine Position aus der heraus der jeweilige Mensch die (sexuellen) Spannungsfelder, in denen er sich im Außen bewegt, erlebt und sie gleichzeitig auch erschafft.
So sind alle Menschen Mischwesen mit einer individuell ganz eigenen inneren Signatur, die weitestgehend unabhängig von der äußeren, körperlichen Erscheinung wirkt und immer nur in einer Tendenz entweder männlich oder weiblich ist. Jeder Mensch ist somit der allergrößten Wahrscheinlichkeit nach im Inneren und daher zumindest potentiell auch im Außen Bisexuell.
Die frohe Botschaft
Unsere eigene innere Disposition oder erotische Haltung wird in der Ausformung unserer Vater- und Mutterbeziehungen oder den sie eventuell ersetzenden basalen Frauen/Männerbeziehungen aber nicht nur gespiegelt, sondern sie wird durch diese in einem permanenten dynamischen Prozess, und damit letztendlich immer wieder neu, erschaffen. Die Verkündigung dieser Beobachtung ist jetzt fast so etwas wie eine frohe Botschaft. Denn genau deshalb besteht die Chance, dass wir uns wirklich substantiell verändern, ja uns fundamental stärken und übernommene Beziehungsmuster verlassen können, wenn wir die Beziehungen zu Vater und Mutter aktiv und elementar neu gestalten.
Wie ist der Weg?
Dabei gibt es zunächst zwei Grundrichtungen der Veränderung, die ich empfehlen möchte. Erstens, der "Ausgleich". Für diesen sollte das erotisch unaufgeladenere Feld, zur Zeit der momentanen gesellschaftlichen Entwicklung zumeist (aber nicht immer!) das gleichgeschlechtliche, also das Beziehungsfeld des Mannes zum Vater und der Frau zur Mutter gestärkt werden. Und so der Vater vom Sohn bzw. die Mutter von der Tochter endlich als ernstzunehmendes Sexualwesen erkannt, verstanden und geachtet werden. Das gilt aber genauso, ja sogar entscheidender, andersherum! Also, dass der Sohn den Vater und die Tochter die Mutter aus den gesellschaftlich und kulturell-religiös extrem eingefriedeten und kontrollierten Rollenbildern entlässt und sie als gleichartige Sexualwesen erkennt und akzeptiert. Dieser Prozess hilft die oft anzutreffende starke Verklebung mit dem anderen der beiden Elternteile zu lösen und dann auch diese Beziehung neu auszurichten. So kann sich das innere Spannungsbild der Grundbeziehungen, das ja am Ende die erotische Haltung im Außen erzeugt, bildlich gesprochen, von einem spitzen, wenig Standhaftigkeit gebenden zu einem stabileren, eher gleichschenkeligen Beziehungsdreieck entfalten.
Die zweite und ebenso wichtige Bewegung der Veränderung ist, sich als Katalysator, Mediator und Mangelausgleichskraft der zum allergrößten Teil aus sich selbst heraus unbefriedigenden Liebesbeziehung der Eltern und auch die der weiteren Vorfahren herauszuziehen. Nennen wir diesen Prozess die "Aufgabe", gut passen würde aber auch die "Kapitulation". Denn so wird es sich für die meisten anfühlen, aus der mit oft übermäßiger und vor allem süchtig machender Aufmerksamkeit ausgestatteter Retter-, besser aufopfernder Retterrolle, auszusteigen. Da gilt es zuerst einmal bei einem selbst aufzudecken, wie stark und wie selbstverständlich diese Aufgabe übernommen wurde. Als Kind werden wir quasi dazu hineingeboren und erleben dann den von uns erbrachten Mangelausgleich als den Zustand von "Zuhause". Diese Aufgabe wird oft bis zur Selbstaufopferung hinein übernommen und prägt und formt uns seit unserer frühsten Kindheit, ja schon vor und bei unserer Geburt bis in die zelluläre Ebene. Trotz psychischer und oft oft auch körperlicher Dauerüberforderung, drängt uns das eingeprägte "Zuhause"- Gefühl, durch vielschichtige Emotionskomplexe in den Tiefen unseres Nervensystems quasi hineinprogrammiert, immer wieder ähnlich bedrängende, ja desaströse Lebenswirklichkeiten zu kreieren. Ohne tiefe Reflexionsprozesse und die Bereitschaft, mutig Lebensroutinen tatsächlich zu verlassen, lässt dein Unterbewußtsein oft nur kosmetische Veränderungen zu, die wiederum noch mehr Verwirrung und Verzweiflung anrichten und neben Stress und Depressionen auch weitere vielfältigste Gesundheitsprobleme verursachen können. Hier eine wirkliche Veränderung zu vollziehen ist, so wie das vorhergehende, der "Ausgleich", am besten mit einer psychotherapeutisch kompetenten Begleitung anzugehen. Besser noch vielerlei Begleitungen! Insbesondere auch direkt für den Körper und die Entwicklung der Sexualität. Hilfe anzunehmen und mit Ruhe und Bestimmtheit einen dir als vertraunenswürdig erscheinenden Therapeuten zu suchen ist aller Ehren wert. Ja, überaus sinnvoll. Ja, notwendig. Nimm sie dir!
Es ist die wohl größte Herausforderung unseres menschlichen Daseins: Die psychosexuelle Emanzipation von den Eltern, der Familie und allen weiteren familiären Vorfahren.
Noch ein stärkender Tipp für deine lange Reise
Ganz ehrlich gesagt, dieser Weg ist, obwohl das wohl lohnendste, auch das anstrengendste und vielleicht auch das gefährlichste Unterfangen, worin du deine Kräfte fokussieren kannst. Unsere gesamte aktuelle Lebenskultur mit ihren ach so großen Wichtigkeiten scheint sich als Ablenkung und als Störung vor dieser Reise zum Dasein als endlich ausbalanciertes sexuelles Mischwesen vor dir aufzutürmen.
In diesem Zusammenhang und in diesem Sinne möchte ich dir die Aneignung einer grundsätzlichen Haltung bei allen Liebesexperimenten empfehlen. Insbesondere auch bei den so wichtigen Aushandlungsprozessen mit deinen Eltern. Dabei ist es mir vollkommen bewusst, dass es ganz und gar nicht einfach ist, sie zu leben, nur weil sie jetzt mal angesprochen ist. Aber es ist vielleicht ein erster guter Schritt: Nennen wir sie mal die helle Egal–Haltung. Im Unterschied zur dunklen Egal–Haltung bleibt die Helle im zugewandten, liebenden Bezug. Du übernimmst aber keine falsche, das heißt übertriebene selbstaufopfernde Verantwortung mehr und hast auch keinen Drang, unentwegt zu regeln und zu wirken. Kreative Leichtigkeit kann sich so im Inneren, wie auch im Außen ereignen.
Probiere es aus: Die Haltung des Gelingens!