Sexualität, Fantasie und Selbstbefriedigung – Ein Versuch
Bastian Lion Pohl
Über Fantasie, Pornografie und ein offenes Herz
Ist Sex nur ein ungenügendes Surrogat für die Selbstbefriedigung? In der Psychoanalyse gilt eine infantile Fixierung auf autoerotische Befriedigungen eher als hinderlich und übermäßiger Pornokonsum ist als problematisch zu bewerten. Trotzdem bestreitet niemand mehr, dass die Sexualität mit sich selbst eine der wichtigsten und schönsten Erfahrungen ist, die wir machen können. Und das sind doch überaus erfreuliche Nachrichten. Wie kultiviere ich demzufolge eine erfüllende Selbstbefriedigungspraxis und was braucht es dafür?
Zuallererst braucht es unseren Forschergeist, um sich mit seinem eigenen Selbstbefriedigungsritual neugierig und auch kritisch auseinanderzusetzen. Die Gedanken sind frei. So dürfen in der Fantasie sowie beim Solosex auch mal Tabus gebrochen werden, um Neues auszuprobieren und den eigenen Erregungscocktail kennenzulernen. Fantasiewesen wie die Meerjungfrauen versinnbildlichen die männliche Lust; sie sind Projektionsfläche sowohl männlicher sexueller Wünsche als auch Ängste. Unser Beispiel soll zeigen, dass sich in sexuellen Fantasien immer auch eigene Themen widerspiegeln und unsere Konflikte bei bewusster und reflektierter Selbstbefriedigungspraxis sich ein Stück weit besser verstehen, heilen und beruhigen lassen, aber auch mehr genossen, ja sogar ausgekostet werden können.
Erotische Bilder können oft besser als Pornos unsere Fantasie anregen, da sie den Betrachtern Spielraum lassen. Es geht also darum, die Sinnlichkeit anzukurbeln und schöne Wege zu finden, die uns in Ekstase versetzen. So ist feinstoffliche Sexualität im Zusammenspiel mit eigenen Imaginationen eine Möglichkeit, neue Erregungsmuster kennenzulernen und alte Fetische auch mal abzulegen. Durch Pornos können unsere Fantasien ein erstes Mal ausprobiert werden, leider können Pornos auch sehr frustrieren, da eigene Affekte nicht mitgeteilt werden können. Pornos konditionieren uns anstelle dessen auf visuelle Reize, die jedoch in partnerschaftlicher Sexualität eine eher untergeordnete Rolle einnehmen. So ist das Sexting eine Möglichkeit, sexuelle Fantasien miteinander und gleichzeitig ganz für sich zu erkunden.
Unsere Lust und Unlust gehören zusammen. Ohne Unlust können wir auch keine Lust empfinden. Bewusste Abstinenz von Onanie und Pornographie kann sehr lustbringend sein. Trotzdem möchte ich mich keineswegs für ein Verbot von Pornographie aussprechen. Denn Pornos können Libidoenergie auffangen und uns in der Selbstbefriedigung entlasten: Das Fantasieren ist Arbeit, die uns von der Pornographie abgenommen wird, wodurch sich die Selbstbefriedigung erleichtern lässt. Online-Sexualität ist eine Möglichkeit, mit anderen sexuell, emotional sowie energetisch in Kontakt zu treten. Für ein erfüllendes Selbstbefriedigungsritual sind ein gutes Gespür für unseren eigenen Körper wie auch die Fähigkeit, kreativ zu fantasieren, sehr wichtig. Online-Sexualität wie das Sexting ist sexuelle Kommunikation und für ein Gelingen braucht es neben etwas Dirty Talk – einen klaren Rahmen.
Unsere Sexualkulturen und Partnerwahlen sind immer auch verknüpft mit eigenen Fantasien. Die Masturbation kann zu tiefer Schattenarbeit werden, weil Masturbationsfantasien uns persönliche, vielleicht verdrängte sexuelle Potenziale und Möglichkeiten sichtbar machen. Es geht darum, ein Gefühl für sich zu entwickeln, sodass ich mit den sexuellen Impulsen interagieren kann und um die Lebendigkeit im Alltag in seinen Feinheiten wieder etwas mehr zu spüren. Wie können wir das sinnlich sexuelle Spüren trainieren? Genuin sind wir sinnlich sexuell sehr sensible Wesen und für Wilhelm Reich sind Körperlichkeit und Fantasie eng aneinandergekoppelt: Laut Reich sind wir gut damit beraten, an einer Öffnung unserer Herzen zu arbeiten, wenn wir schönere sexuelle Erfahrungen wollen. Es braucht ein gutes Verhältnis von befriedigter Sexualität und erfüllter Selbstbefriedigung im Leben. Ein sinnlich sexuelles Erleben kann trainiert werden, indem unser Solosex wie unsere sexuellen Begegnungen liebevollere Aufmerksamkeit von uns allen erhalten. Seid liebevoll mit euch sowie euren Liebsten und dreht euch nicht weg, auch nicht innerlich, sondern bleibt mit offenem Herz und Genital da.
Hier zusammenfassend unsere Tipps, um seine Liebesfähigkeit zu stärken
Sich neugierig und kritisch mit seiner eigenen Selbstbefriedigungspraxis auseinandersetzen.
Pornographie im Sinne von Qualität über Quantität eher vermeiden oder reduzieren.
Masturbationsfantasien machen eigene sexuelle Potenziale sichtbar. Eine reflektierte und bewusstere Selbstbefriedigung kann helfen, sich mehr zu verstehen sowie in gewisser Hinsicht sexuell ein Stück weit zu heilen. Sie dürfen ausdrücklich genossen und ausgekostet werden.
Online-Sexualität wie Sexting kann echte sexuelle Kommunikation sein.
Ein offenes Herz kann unsere sexuelle und orgastische Freude erhöhen.
Es bedarf im Leben sowohl einer befriedigenden Sexualität als auch einer erfüllenden Selbstbefriedigungspraxis!
Schenke deiner Sinnlichkeit genügend Aufmerksamkeit im Alltag; genieß das Kleine wie eine Dusche am Morgen und lass dich liebevoll halten und umarmen im Leben.
Sex ist weder ein ungenügendes Surrogat für unsere Selbstbefriedigung, noch ist die Selbstbefriedigung ein ungenügendes Surrogat für den Sex.